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Digital Detox unter weißen Segeln

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Apr 28 2024
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Malaga (Spanien)


Im Kielwasser der Grande Amburgo bleibt Südamerika schnell zurück.

»Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön«, weiß bereits der Volksmund zu berichten. Und wie nachhaltig eine Seereise entschleunigt, hatte ich schon auf der Atlantikquerung vor fünf Jahren  erfahren. Diesem Genuss wollte ich mir noch einmal gönnen, allerdings in attraktiverem Ambiente ... und ein wenig umweltfreundlicher als auf einem RoRo-Frachter!

Zudem hatte sich an Bord der Lady Grey eine ungesunde 'Affinität zum Bildschirm' entwickelt; auch als Internetsucht bekannt. Sechs bis acht Stunden saß ich vorm Bildschirm, oft bis weit in die Nacht hinein. Doch nicht TikTok oder Facebook hatten mich im Griff, sondern der ganz alltägliche Wahnsinn der Weltpolitik. Tagesschau , Wikipedia  oder HPD  waren einfach spannender als ein Gang vor die Haustüre (auch wenn der einen hübschen Ausblick auf Cádiz bot). Höchste Eisenbahn also für ein paar Tage Digital Detox!


Die Sonnenuntergänge in der Karibik fehlen noch in meiner Sammlung!

Dazu vielleicht das Abhaken einer weiteren Destination auf meiner Bucket-List? So vieles wollte ich noch sehen und erleben! Vor allem Dinge, die auf dem Landweg nicht erreichbar sind. Eine ordinäre Kreuzfahrt auf einem dieser Monsterschiffe schied allerdings schon wegen der Umwelt­problematik aus ... und auf touristische Massenabfertigung hatte ich erst recht keinen Bock!


Die Star Clipper unter Vollzeug bietet einen grandiosen Anblick.

Da fällt mir ein Prospekt der Star Clippers  in die Hände: kleine Reisegruppen, kein Dresscode beim Dinner, stille Buchten, die nie ein Kreuzfahrtmonster erreicht, stilles Gleiten durch türkisgrünes Wasser unter weißen Segeln, kein stinkender Motor: Nachhaltigkeit pur ... gepaart mit nur einem Hauch von Luxus. Vollmundige Versprechungen eines Werbeprospekts … wie weit sie von der Wirklichkeit entfernt sind, weiß man leider erst nachher! Zunächst aber ist die Begeisterung groß. Die Termine passen, die Buchung ist schnell erledigt. Auch, wenn dafür das Sparschwein gehörig Federn lassen muss.

1.Etappe: Karibik Los geht's also in Panama City nach einem 10-stündigen (unvermeidlichen) Flug mit dem abrupten Wechsel von Zeit (minus sechs Stunden) und Temperatur (plus dreißig Grad): Stolpersteine einer ungebührlich schnellen Anreise!


Wie gewaltig die Tore der Miraflores-Schleuse sind sieht man erst, wenn man davorsteht.

Die sind aber schnell vergessen, denn nach der Einschiffung steht gleich das erste Highlight auf dem Programm: die Fahrt durch den Panamakanal (Historie und Details ). Hatte ich dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst schon vor zehn Jahren von der Landseite her ausgiebig erkundet, so ist die Erfahrung, nun selbst in einer der (alten) Schleusen zu stehen und um zwanzig Meter geliftet zu werden doch eine ganz neue. Natürlich steht die ganze Meute (zum Glück sind wir nur 130 Passagiere) an Deck und knipst eifrig jedes Detail, während Kapitän Ante wie ein aufgeregtes Küken von einer Nock zur anderen rennt. Ein Kratzer an seinem schneeweißen Schiff? Nicht auszudenken! Doch die beiden Lotsen und vier Lokführer, die das Schiff über daumendicke Stahltrossen zentimetergenau dirigieren, verstehen ihr Handwerk und wir kommen ohne Blessuren davon.


Ein Segelschiff in der Schleuse ist auch auf dem Panama-Kanal kein alltäglicher Anblick.

Die Landschaft links und rechts des Kanals ist über weite Strecken gerodet, aber immer noch tropisch grün … auch wenn es in der letzten Regenzeit weit weniger geregnet hat als gewöhnlich. So wenig sogar, dass die Anzahl der Passagen (trotz der modernen, wassersparenden Schleusen) massiv reduziert werden musste: statt der üblichen 37 Schiffe dürfen derzeit nur noch 20 bis 25 pro Tag den Kanal passieren: auch das eine Folge des Klimawandels.

Bemerkenswert sind auch die Gebühren, die die Reederei hier für uns abdrücken muss: 1100 US-Dollar pro Passagier! Kein Wunder, dass gerade dieser Teil des Törns kein Schnäppchen ist!


Vor Anker bei den San Blas Inseln (vor der Atlantikküste Panamas)

Bald schon liegt der interessanteste Teil des Kanals hinter uns und nach der Gatun-Schleuse ist schließlich der Atlantik erreicht - genauer gesagt die Karibische See. Mithin Zeit, den Blinker zu setzen und Kurs auf die Korallen­bänke der San-Blas-Inseln zu nehmen, wo ein ausgiebiger Strandtag angesagt ist. Azurblaues Wasser, grüne Palmen, blendend weißer Sandstrand: kitschiger könnte eine Karibikinsel kaum sein. Nur von den indigenen Einwohnern, den kunstfertigen Kuna, ist weit und breit niemand zu sehen - schade!


Die Aussicht auf Cartagena des Indias ist fast so verlockend wie der Pool.

Am nächsten Morgen ist auch schon Cartagena de Indias (Kolumbien) erreicht. Die überaus hübsche Stadt kenne ich bereits von der Panamericana-Tour (sh. Bericht von damals ), deshalb schaue ich lieber an Deck zu, wie neue Vorräte an Bord gebracht werden. In meinen Augen könnte der Inhalt der drei 40-Fuss-Container locker bis Ostern des kommenden Jahres reichen, ist aber nur für die nächsten vier Wochen bestimmt. Whow, was müssen wir hungrig sein!


Dirk unternimmt die Reise, um sich am Sextanten zu üben.

Die ersten Tage sind angefüllt mit Besuchen auf der Brücke, mit viel, viel Schauen (auf einem Schiff tut sich immer etwas; die Anlegemanöver sind besonders interessant) und gelegentlichem Smalltalk. Von Anfang an meide ich jedoch Lunch und Dinner, bei denen der Speisesaal vor Geschnatter schier zu explodieren scheint: jeder ist ein Superheld und hat die ganze Welt schon gesehen. So richtig warm werde ich mit diesen Leuten nicht, denn wieder einmal zeigt sich der Unterschied zwischen Reisenden und Touristen! Mit der Crew hingegen ergibt sich immer wieder Gesprächsstoff: ein internationales Team aus acht Nationen. Philippinos, Indonesier, Inder, Russen, Ukrainer, Kosovaren, Kroaten und Spanier: hier arbeiten sie alle Hand in Hand.


Ungeliebter Nachbar am Pier (hier in Cartagena de Indias): Das Monster von www.meinschiff.de …

Nach Santa Marta, einem geschichtsträchtigen Städtchen zu Füssen des höchsten Küstengebirges der Welt - der nördlichste Gipfel der Anden, der Pico Cristobal Colon (5775müNN), zeigt sich sogar schneebedeckt - spielt sich auch das Leben an Bord ein: nachts wird gefahren - teils unter Segeln, meist jedoch mit Motorkraft. Schließlich sollen die Passagiere tagsüber Zeit haben, sich die tropische Sonne auf den Pelz brennen zu lassen (am liebsten mit einem gehaltvollen Cocktail in der Hand) … oder eine neue Insel zu erkunden. Eine wie Aruba, Curacao oder Bonaire beispielsweise: die ABC-Inseln, besser bekannt als 'Niederländische Antillen'.


Die Busse in Aruba sind genauso farbenfroh wie die Inseln.

Strandidylle auf Aruba (für Strand und Schatten muss man hier bezahlen).

Das Shoppingcenter speziell für Kreuzfahrttouris.

Ein ungeliebter Nachbar am Pier: die 'AIDA Perla'

Auch wenn sich dort längst keine Windmühlen mehr drehen und zwei der Inseln 2010 die administrative Selbstständigkeit gewählt haben, ist das Flair Hollands allgegenwärtig und König Willem-Alexander ist nach wie vor ihr oberster Chef. Übermäßig reich sind die Inseln nicht, doch die Ölvorkommen vor der Küste, alte Salzlagerstätten und die Produktion hochprozentigen Rums bescheren den Bewohnern einen gewissen Wohlstand ... dazu natürlich der Tourismus! Der zieht hier nach Corona offenbar noch mächtiger an als andernorts. Trotzdem nervt es gewaltig, dass die monströse 'AIDA Perla' zum dritten Mal neben uns am Pier liegt und ihre Menschenmassen in die Stadt ausspuckt.


Der Waran von Aruba sieht gefährlicher aus als er ist.

Nahe Wilhelmstad erinnert ein nettes Museum an die Befreiung der Sklaven.

Die ABC-Inseln sind unerwartet trocken; Kakteen sieht man allenthalben.

Hätte ich nicht erwartet: die Vegetation auf den ABC-Inseln ist von Trockenheit geprägt.

Am besten von den ABC-Inseln gefällt mir Curacao, obwohl ... oder gerade, weil ... sämtliche Souvenirläden geschlossen haben: es ist Ostersonntag und die Einheimischen liegen ausnahmslos am Strand (für den man hier Eintritt bezahlen muss; dafür gibts Sonnenliege, passenden -schirm und lautstarke Beschallung inklusive). Gänzlich unerwartet zeigt sich hingegen die Vegetation - von wegen tropisches Grün! Vielmehr säumen mannshohe Kakteen die schmalen (und holprigen) Straßen, dahinter dornige Akazien und giftiger Poison Ivy: typisch für eine Trockensavanne! Die sich im Übrigen im Norden Kolumbiens und Venezuelas noch ein gutes Stück fortsetzt. Wer hätte das gedacht!


Viele Häuser in Willelmstad sind bunt bemalt und liebevoll verziert.

Kunstvolle Malereien und viel Farbe gehören in Curacao einfach dazu!

Farbe gehört hier einfach dazu!

Kurz hinter Bonaire können wir für zwei Stunden die Segel setzen.

Viel zu schnell heißt es Abschied nehmen vom ABC, als nächstes wollen wir die Vulkaninseln im Norden der Karibik erkunden: St.Kitts, St.Barths und Antigua. Dazu müssen wir allerdings die Abkürzung quer durch die Karibische See nehmen, mithin vier volle Tage auf See! An denen weht uns jedoch - völlig unerwartet [1] - der Nordost-Passat ins Gesicht, sodass an Segeln nicht zu denken ist (wir müssten sonst dagegen ankreuzen). Obwohl die Maschine auf Volldampf läuft handeln wir uns einen Tag Verspätung ein. Kurzerhand wird daher der Besuch von St.Kitts gestrichen, um ja pünktlich in Antigua zu sein.


Wichtigstes Exportgut der ABC-Inseln: Rum.

An Bord tut sich in dieser Zeit herzlich wenig und Carlos, unser Cruise Director hat seine liebe Mühe, seine Schäfchen mit Brot und Spielen bei Laune zu halten. Wobei das Brot oft flüssiger Natur ist … und Alex, der Barkeeper alle Hände voll zu tun bekommt. Es ist aber auch heiß in der Karibik!

In San Barths (offiziell St. Barthélemy; eine französische Insel) können wir trotzdem einen Zwischenstopp einlegen. Schließlich will uns Kapitän Ante zeigen, wo all die Schönen und Reichen dieser Welt entspannen. Oder Party machen. Oder ihr schwer verdientes Geld auf den Kopf hauen. Aber ganz ehrlich: ich habe schon einladendere Orte als Gustavia - die Hauptstadt - gesehen. Vielleicht ist das aber gut so: verschandeln die Protzsüchtigen wenigstens nur eine Insel - bzw. Inselgruppe. Und bleiben - hoffentlich - unter sich!


Der kleine Katamaran ist viel schneller unterwegs als unser Clipper!

Vor San Barths liegen die mondänen Megajachten gleich dutzendweise.

San Barths ist der angesagte Treffpunkt für die Reichen und Schönen.

Auf den Megajachten vor San Barths werden die Gäste per Hubschrauber eingeflogen

Das Gepäck von 130 Passagieren will erst'mal ausgeladen sein!

Antigua, unseren letzten Hafen erreichen wir überpünktlich und es beginnt der angenehmste Teil des ganzen Törns: mit fünf Gleichgesinnten darf/muss ich an Bord bleiben, während die übrigen Passagiere die Heimreise antreten. Sehenswert ist da vor allem das Handling des Gepäcks: jeder Koffer wird einzeln aus der Kabine abgeholt und nahe der Bibliothek gesammelt. Ist alles komplett, werden sie einzeln die schmale Gangway hinabbugsiert und erneut gesammelt. Dann - wieder einzeln - in einen viel zu kleinen Van geladen, der nach fünf Koffern randvoll ist und die Teile nur hundert Meter weiter zum Ende der Pier bringt. Dort wieder Abladen und die nächsten fünf Koffer holen. Derweil stehen 125 ungeduldige Passagiere an Deck und schütteln die Köpfe: bevor das Gepäck nicht vollzählig am Ende der Pier steht, dürfen sie nicht von Bord!


Das kleine Willlkommen der Crew ist sehr willkommen

Die neuen Passagiere trudeln erst gegen Abend ein… doch bis dahin ist eifriges Treiben an Bord angesagt: Vorräte aufbunkern, Treibstoff über­nehmen, Abfälle entsorgen, Decks schrubben, Messing polieren. Alles soll bereit sein für die nächste Etappe: zwei Wochen, in denen wir keinen Hafen anlaufen können - die Über­querung des Atlantischen Ozeans!

2.Etappe: Transatlantik Der zweite Teil startet wie gesagt in Antigua und soll uns mit einem Zwischenstopp - auf den Azoren - bis nach Malaga (Spanien) bringen: 3331 Seemeilen (6200 Kilometer) - der interessante und hoffentlich etwas abenteuerlichere Teil des Törns.


Der offene Atlantik empfängt uns mit ungewöhnlich ruhiger See.

Doch zunächst herrscht Flaute. Spiegelglatte See. Tagelang. Für den offenen Atlantik ein eher untypisches Bild! Die Segel werden trotzdem gehisst - mit viel Trara obendrein: jedes Mal tönt »Conquest of Paradise« von Vangelis über die Decks. Vorwärts bringt uns aber doch nur der Motor. Und wenn doch mal eine leichte Brise aufkommt, dann bläst sie aus Nordosten - genau von vorn! Da helfen selbst die besten Segel nicht!


Ein bisschen Schaukeln gehört einfach dazu! (Microvideo)

Erst viel später erfahren wir, dass der Kapitän diesen Kurs bewusst gewählt hat, um einem Tiefdruckgebiet auszu­weichen. Das hätte uns zwar viel Wind zum Segeln beschert, mithin aber auch die unvermeidliche Schräg­lage des Schiffs, die Köche und Waiter - und vermutlich nicht nur die - in gewisse Schwierigkeiten gebracht hätte.


Zwei, drei Tage lang zeigt sich der Atlantik doch noch von seiner gewohnten Seite.

Einen Ausläufer des Tiefs streifen wir dennoch. Am vierten Tag frischt der Wind auf (kommt jetzt aus Norden), die Dünung legt gehörig zu und erstmals seit dem Ablegen macht der Atlantische Ozean seinem Ruf ein wenig Ehre. Weiße Schaumkronen zieren die Wellen, Dünung drei bis vier Meter, Wind aus Nord mit sechs bis sieben Beaufort: da kommt Freude auf. Drei Tage lang sieht man auffallend wenige Passagiere an Deck, geschweige denn bei den Mahlzeiten. Das Rollen und Stampfen ist aber gut auszuhalten und den breitbeinigen Seemannsgang haben wir uns längs angewöhnt. Nur beim Frühstück ist Vorsicht geboten: Gläser und Tassen dürfen nicht bis zum Rand gefüllt werden! Auch Teller und Besteck entfalten bei mehr als zehn Grad Krängung eine ungewohnte Eigendynamik.


Die Crew muss fast täglich Notfallübungen absolvieren.

Kaum haben wir den Tiefdruckausläufer hinter uns, zieht sich die Überfahrt wieder wie alter Kaugummi. Bei Gegenwind und weiterhin hohen Wellen schaffen wir kaum mehr als 160sm (300km) pro Tag. Das letzte Buch ist gelesen, der letzte Gedanke gedacht, die letzte Welle beäugt und langsam macht sich so etwas wie Langeweile breit. Gelegentlich beneide ich sogar die Crew, die in drei Schichten Dienst schiebt und immer etwas zu tun hat; ein 33 Jahre altes Schiff braucht offenbar ähnlich viel Zuwendung wie meine Lady Grey Auch Notfallübungen stehen für die Crew beinahe täglich auf dem Programm - und vermitteln den Gästen ein Gefühl der Sicherheit … oder?


Die 'Preussen' war der größte je gebaute Segler.

Zwei Tagesetappen vor den Azoren überholt uns sogar ein anderer Segler, die Seacloud II - in nur zwei Seemeilen Entfernung: beinahe so etwas wie das Highlight der gesamten Reise. Bei ihrem Anblick fühlt man sich unwillkürlich zurückversetzt zum Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich vor allem die Flying P-Liner der Hamburger Reederei F.Laeisz regelrechte Wettrennen über die Weltmeere lieferten. Denn wer seine Waren in Europa zuerst auf den Markt bringen konnte, erzielte die besten Preise! Vom Prestige ganz zu schweigen. Eines der schnellsten war damals die 'Preussen', das einzige je gebaute 5-Mast-Vollschiff (und Vorlage für die Royal Clipper, dem Schwesterschiff unserer Star Clipper).


Bläst der Wind mal aus der richtigen Ecke, macht die Star Clipper flotte Fahrt.

Bläst der Wind mal aus der richtigen Ecke, macht die Star Clipper flotte Fahrt.

Die Geschwindigkeit allerdings wurde ihr 1910 zum Verhängnis, als der Kapitän eines neumodischen Dampfers ihren Speed unter­schätzte und sie nahe Dover rammte, woraufhin die Preussen manövrierunfähig wurde, auf Grund lief und schließlich sank. Und das nur acht Jahre nach ihrem Stapellauf - welch tragisches Schicksal! Mit ihr verschwanden damals die großen Fracht­segler endgültig in den Schubladen der Geschichte. Heute sind wir von solchen Wett­fahrten meilenweit entfernt: dass die Seacloud II überhaupt in Sichtweite kam, grenzt an ein Wunder, fahren doch kaum mehr als eine Handvoll vergleichbarer Segelschiffe über die Weltmeere!

Azoren


Unter Vollzeug bietet die Star Clipper über 3000m² Segelfläche.

Nach zwölf Tagen mit nichts als Wasser ringsum - abgesehen von der Seacloud - kommt an Steuerbord endlich Land in Sicht: eine wolkenverhangene, in Nebel gehüllte Bergsilhouette. Ein bisschen fühle ich mich wie Christobal Colon, als er Amerika entdeckte, vor uns liegen aber nur die Azoren, eine Gruppe von zehn Vulkaninseln auf dem mittel­atlantischen Rücken, dort wo die nordamerikanische und die eurasische Platte auseinanderdriften - ganz ähnlich wie in Island, nur weniger dramatisch.


Der Jachthafen von Ponta Delgado wurde erst vor wenigen Jahren angelegt.

Ponta Delgada, die Hauptstadt der größten Insel São Miguel ist modern und geschäftig, mit hübschen schwarz-weißen Kirchen geschmückt, recht überschaubar (30.000 Einw.), aber enorm staugeplagt. Dass die Karibik hinter uns liegt, spürt man auf Schritt und Tritt: am Himmel hängen dunkle Wolken (von wegen 'Azorenhoch'), die Strände sind tiefschwarz (Vulkangestein), das Wasser ist weder türkisgrün noch bacherl­warm und auf den Boulevards drängen sich Autos und Fußgänger schlimmer als in Lissabon. Europa kann also nicht mehr weit sein! Auch bezahlt wird mit harten Euronen - und die Preise sind gesalzen. Nach zwei Wochen wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, ist trotzdem eine Wohltat.


Im Hafen von Ponta Delgada kann ich sogar mein Traumhaus ausmachen …

Gleich nach dem Festmachen werden wir in einen Bus verfrachtet, in dem uns Enrique aus der bewegten Geschichte des Archipels erzählt: vom letzten großen Vulkanausbruch (1957), von der wechselvollen Be- und Entsiedelung (seit 1427), von fehlgeschlagenen Monokulturen (Getreide, Wein, später Orangen), von den einzigen Teeplantagen Europas, von der arbeitsintensiven Aufzucht der Ananas (es gibt nur eine Frucht pro Pflanze, danach stirbt sie ab). Aber auch von den Kühen, die auf den Inseln ebenso zahlreich sind wie die Einwohner (ca. 230.000), jedoch deutlich mehr Steaks und Milch produzieren (zwei Millionen Liter pro Jahr; Viehwirtschaft ist die Haupterwerbsquelle auf den Inseln). Die Steaks wandern auf die Teller Mitteleuropas, die Milch wird meist zu Käse verarbeitet, doch zumindest für das Tierwohl ist gesorgt: die Vierbeiner dürfen das ganze Jahr über draußen auf der Weide grasen, ja sogar die Melkmaschinen werden zu ihnen gebracht - nicht andersherum. Auch Wasser und Grünfutter gibt's zur Genüge, unterm Strich beinahe so etwas wie eine nachhaltige Bewirtschaftung. Wenn nur die Abgase der Viecher nicht wären!


Vom ›Punto del Rei‹ hat man einen tollen Ausblick auf zwei Kraterseen.

Die Fußgängerzone von Ponta Delgada macht einen adretten Eindruck.

Die Gebäude auf den Azoren sind aus dunklem Vulkangestein errichtet.

Die Aufzucht der leckeren Ananas (im Treibhaus) ist arbeitsintensiv.

Die anderen Melkkühe sind natürlich die Touristen, die die Einwohnerzahlen locker in den Schatten stellen. Es ist aber auch schön hier! Das ganze Jahr über liegt die Temperatur zwischen 15 und 25 Grad, es regnet oft, aber nie allzu lange, die Vegetation erinnert an den Regenwald Afrikas und die Vulkankrater bilden ein tolles Wanderrevier voller eindrucksvoller Ausblicke. Daneben wird an jeder Straßenecke Whalewatching angeboten ... oder Tauchtouren ... oder Hochseeangeln ... oder Teller voller Fisch und Steaks: für jeden Geschmack wird hier etwas geboten. Ein, zwei Wochen könnte man auf den Inseln locker verbringen ... ohne dass Langeweile aufkäme!


Kurz vor Gibraltar wird noch einmal Vollzeug gesetzt.

Doch wir müssen weiter, noch am gleichen Abend, bis Malaga liegen noch 500sm vor uns ... soviel zum Thema 'Langsam Reisen'! Dass uns der (West-)Wind hilft, pünktlich anzukommen, darauf hoffen wir vergeblich: wieder einmal herrscht Flaute und wir müssen motoren, was das Zeug hält. Wenigstens können wir in Ruhe schlafen und der O-Saft beim Frühstück schwappt nicht mehr über. Alles hat eben auch seine guten Seiten!


Die Damen von Malaga haben einfach das besondere Etwas … sogar auf dem Bauzaun.

Kurz vor Gibraltar, am Eingang zum Mittelmeer haben wir sogar Muße, den Motor abzustellen und mit ein bis zwei Knoten vor uns hinzudümpeln - trotz Vollzeug. Zwei Stunden vor der Zeit laufen wir schließlich in Malaga ein und machen am letzten freien Pier fest; die übrigen sind alle schon belegt: von unserem Schwesterschiff, der Star Flyer, von Megajachten und ordinären Kreuzfahrt­monstern. Entsprechend geschäftig geht es in der pittoresken Altstadt zu. Dennoch hocke ich mich in eines der netten Straßenrestaurants und lassen mir eine Dorade schmecken: der krönende Abschluss eines sehr speziellen Abenteuers, das nun endgültig hinter mir liegt … wenn man es denn als solches bezeichnen darf. Denn bis auf die zwei Tage 'Sturm' hat eines definitiv gefehlt: Adrenalin!

Grafik


Auch wenn alle Segel gesetzt sind, bedeutet das nicht, dass sie viel zum Vorwärtskommen beitragen!

Gedanken zur Nachhaltigkeit Nun, als Aktivist würde ich mich zwar nicht bezeichnen, aber die Umwelt liegt mir schon am Herzen. Deshalb hatte ich mich ja für genau diese Tour unter Segeln entschieden! Aus Sicht von Nachhaltigkeit und CO2-Footprint ging dieser Schuss jedoch gehörig nach hinten los!

Auf dem gesamten Törn legten wir 4808sm (8904km) zurück und verheizten dabei 126t Diesel. Eine gewaltige Menge für einen Törn, der als 'Segelreise' angepriesen wurde (und wird). Pro Tag und Passagier entspricht das einen Footprint von 80kg CO2 (Karibikteil) bzw. 170 kg (Atlantikquerung) [2], mithin das 1,5 bis 3-fache eines ordinären Kreuzfahrtmonsters! Der Atmosphäre und unserem Klima haben wir damit sicher keinen Gefallen getan! Vor allem jedoch war es (see)meilenweit von den vollmundigen Versprechungen der Webseiten und Broschüren entfernt! [3]


Bei genauerem Hinsehen erscheint die Auszeichnung wie blanker Hohn!

Die Zeit, in der ein Schiff wie die Star Clipper mit Motor- oder Segelantrieb oder einer Kombination von beidem unterwegs ist - und damit der resultierende CO2-Footprint - ist naturgemäß stark abhängig von Wind und Wetter und Meeresströmungen … aber auch von der Erfahrung der Crew und ihrer Motivation, so oft wie möglich zu segeln. Andererseits muss der Kapitän gewährleisten, dass die lieben Passagiere rechtzeitig ans Ziel kommen - ein Spagat mit eindeutigen Prioritäten!

Dass unser Törn kein Einzelfall ist, zeigen die Zahlen der Saison 2022/2023, die freundlicherweise vom Ersten Offizier zur Verfügung gestellt wurden. Demnach war die Star Clipper wie folgt unterwegs gewesen (wobei 2022/2023 eine Saison mit außergewöhnlich guten Windverhältnissen gewesen war, wie mir andere Reisende berichtet haben):

  • nur mit Segelantrieb: ca. 27% der Zeit;
  • nur mit Motorantrieb: ca. 12% der Zeit;
  • mit Motor- und Segelantrieb: ca. 61% der Zeit.

Unterm Strich kann man solche 'Segelreisen' also nicht guten Gewissens als 'nachhaltig' bezeichnen. Denn eine 'Kreuzfahrt unter Segeln' - so wird sie in den einschlägigen Medien durchwegs angepriesen - heißt ja nicht mehr, als dass ab und zu ein paar Segel gesetzt sind! Ganz gleich, wie viel zum Vorwärtskommen beitragen … oder doch eher als 'Zierde' dienen, um dem Label 'Segeltörn' gerecht zu werden! [4] Übrigens: bei den anderen (wenigen) Anbietern vergleichbarer Törns dürfte die Bilanz nicht wesentlich anders ausfallen!


Für Flug und Segeltörn sind fast acht Tonnen CO2 zu kompensieren!

Da ich nun aber die Tat nicht ungeschehen machen kann, bleibt mir nur die Kompensation … und der Vorsatz, mich beim nächsten Mal vorher schlau zu machen! Wobei anzumerken ist, dass es im großen weiten Netz kaum belastbare Zahlen zur 'Klimafreundlichkeit' dieser Art von Reisen gibt. Vielleicht waren deshalb einige meiner Mitreisenden sogar überzeugt, mit ihrem Törn etwas Positives für die Umwelt getan zu haben.


Der Abfall von zwei Wochen füllt ganze Container.

Aber es geht ja nicht nur ums CO2! Das andere Übel sind 'natürlich' die Essensreste von 130 bzw. 70 Mitreisenden! Die kann man ja schwerlich zweimal am Buffet anrichten. So landeten wöchentlich zwei Tonnen Fressalien im Müll (0,3 Kubikmeter pro Tag) - auch für die Crew eine olfaktorische Herausforderung! Zwei, drei Schweine hätte man davon vermutlich prima durchfüttern können, doch Tiere jedweder Art waren auf dem Schiff - abgesehen von ein paar schrägen Vögeln - ein absolutes No-Go.

Zugutehalten muss man, dass unser Schiff 1992 in Dienst gestellt, mithin Ende der 1980-er geplant wurde, eine Zeit also, als der Slogan "reduce - reuse - recycle" noch weit weniger Beachtung fand als heutzutage. Und gerade auf einem Schiff, das jahrein, jahraus unterwegs sein muss, um Geld zu verdienen, werden für gewöhnlich nur Dinge umgesetzt, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Ein gründliches Update der Star Clipper, was die technische Ausstattung anbetrifft, aber auch eine weitere Sensibilisierung der Crew in Sachen Nachhaltigkeit sowie Termin- und Routenplanung, wäre in meinen Augen also dringend angebracht!

Resümee


Bläst der Wind mal aus der richtigen Ecke, macht die Star Clipper flotte Fahrt.

Mit deutlich mehr Wind ... aus der richtigen Richtung ... wäre der Törn sicher ein unvergessliches Erlebnis geworden. So fällt er eher unter die Rubrik "Na ja, war ganz nett. Muss aber nicht noch einmal sein."

Was hingegen sehr gut geklappt hat, war das 'Digital Detoxing': Neben Essen, Schauen und Seele baumeln lassen blieb einfach keine Zeit, um auf irgendwelche Bildschirme zu glotzen ... außer oben auf der Brücke: dort konnte man live mitverfolgen, wo wir uns in den unendlichen Weiten des Ozeans gerade befanden, welchen Kurs wir steuerten und wie langsam wir unterwegs waren: selten mehr als 10kn (18km/h). Mal sehen, wie lange die neue Abstinenz nun vorhält.


Nachtplatz auf dem Salar de Uyuni.

Etwas anderes hat der Törn auch sehr deutlich gezeigt: vor 25 Jahren, als ich mich entscheiden musste, wie ich meinen Lebensabend verbringen wollte, stand auch ein Segelboot zur Debatte (als Alternative zur Lady Grey). Heute weiß ich, dass meine damalige Entscheidung goldrichtig war: mögen die Inseln, die man nur mit einem Boot erreichen kann, noch so idyllisch sein, beschränkt sich das Kennenlernen von Land und Leuten eben doch auf die Hafen­städte und ihre nähere Umgebung. Die Sahara, die Atacama, die Rocky Mountains … oder der Salar de Uyuni: mit dem Boot sind sie einfach nicht machbar!


Auch über dem Meer geht die Sonne am Abend unter.

Und noch etwas hat der Ausflug in die Welt des Pauschaltourismus bestätigt: diese Welt ist nichts für mich! Egal, ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft! Auf der Suche nach ein wenig Nervenkitzel oder Adrenalin wird man in den Katalogen der Touristikunternehmen jedenfalls nicht fündig! [5] Deshalb werden ihre bunten Bildchen auch weiterhin nur als Appetizer herhalten müssen. Selbst wenn ich mir Tee und Ravioli dann wieder selber kochen muss!


Grafik Grafik P.S. Reisen hat Nebenwirkungen! Positive auf den Reisenden selbst. Negative auf die Umwelt. Bei unserem Tun sollten wir das nicht übersehen! Daher habe ich den CO2-Fußabdruck für diese Etappe (Flüge und 'Segeltörn') um 7.822kg reduziert, indem ich die Einsparung in Schwellen­ländern unterstütze.
Mehr zum Thema 'Nachhaltigkeit' findet ihr hier .

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Fußnoten:
(die Nummern führen zurück zur jeweiligen Textpassage ...)

[1] Der NO-Passat ist eine durchaus verlässliche Gegebenheit unserer Erde, die man gut hätte vorhersehen und einplanen können!

[2] Der Unterschied erklärt sich wie folgt: auf dem Karibikteil wurde nachts gefahren und tagsüber gebadet/gesightseet. Mithin waren wir nur ca. die Hälfte der Zeit wirklich unterwegs - vorwiegend mit Maschine. Bei der Atlantikquerung hingegen war die Maschine vierundzwanzig Stunden täglich im Einsatz - bis auf die beiden Tage, an denen nur gesegelt wurde. Zusätzlich unterschieden sich die Passagierzahlen deutlich: 132 waren's auf dem Karibikteil, auf der Atlantikquerung nur mehr 70; mithin mussten weniger Passagiere mehr CO2 schultern.
Das erklärt auch den Unterschied zu den Kreuzfahrtriesen: die haben zwar einen ähnlichen Fahrplan wie wir in der Karibik und verbrauchen pro Seemeile/Kilometer deutlich mehr Treibstoff, aber das verteilt sich eben auf -zigtausend Passagiere.

[3] Rechnet man das auf den geläufigeren Verbrauch im Straßenverkehr um, wäre jeder einzelne Passagier mit einem mittelschweren Brummi (Verbrauch 20l/100km) über den Atlantik gefahren!

[4] Dass wir nicht die ganze Zeit unter Segeln fahren werden, war mir schon zu Beginn klar. Fahrplan ist nun mal Fahrplan. Dass dabei der Motor jedoch derart oft und derart lange zum Einsatz kommt, das war nirgends zu erkennen. Aber, wie gesagt, hinterher ist man klüger!

[5] Zu verdanken haben wir das u.a. einer 'verbraucherfreundlichen' Gesetzgebung: widerfährt dem Gast auch nur die geringste Unbill, sind Beschwerden, Reisepreisminderungen und Schadenersatzklagen vorprogrammiert. Egal, ob durch eine Nachlässigkeit des Veranstalters verursacht oder durch die Dummheit des Touristen! Unternehmungen, bei denen auch nur ansatzweise etwas schiefgehen könnte - und damit Adrenalin ins Spiel käme -, werden deshalb von vornherein untersagt bzw. gar nicht erst angeboten. Schließlich muss der unbedarfte Tourist auch vor sich selber geschützt werden! Eine fatale Entwicklung für jeden, der gelernt hat, auf sich selber aufzupassen.